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Richtig atmen – gibt es das überhaupt?
Atem & Gesundheit | Joshua Lötscher | 09. Oktober 2026
Von frühester Kindheit an und spätestens seit der Schulzeit sind wir es gewohnt, in Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ zu denken. Kein Wunder also, dass die Frage „Atme ich richtig?“ oder der Wunsch „Ich möchte richtig atmen lernen“ zu den häufigsten Anliegen zu Beginn einer Atemtherapie oder einer Atemgruppe gehören.
Diese Fragen sind durchaus nachvollziehbar. Schliesslich haben viele von uns schon gehört, dass wir möglichst tief in den Bauch atmen sollten und eine vorwiegende Brustatmung ungünstig sei. Doch stimmt das tatsächlich?
Im Folgenden möchte ich die Sicht der Atemtherapie auf das sogenannte richtige Atmen darstellen und eine andere Betrachtungsperspektive eröffnen.
Die kurze Antwort: Es gibt nicht die eine richtige Atmung.

Ganz direkt gesagt: Eine pauschale Antwort hat die Atemtherapie meist nicht zur Hand. Das macht die Sache jedoch nicht komplizierter, sondern erstmal einfacher. Denn eine grundsätzlich „richtige“ oder „falsche“ Atmung gibt es nicht.
Unsere Atmung verändert sich fortlaufend. Im Schlaf atmen wir anders als beim Treppensteigen, im entspannten Gespräch anders als in einer
angespannten Situation. Auch Freude, Trauer, Angst, Konzentration, körperliche Anstrengung, Temperatur, Körperhaltung und viele weitere innere und äussere Einflüsse wirken auf den Atem ein.
Eine schnelle oder im oberen Brustraum wahrnehmbare Atmung ist deshalb nicht automatisch falsch. In bestimmten Situationen kann sie eine angemessene Reaktion des Körpers sein. Problematisch kann es werden, wenn der Atem dauerhaft in einem engen Muster verbleibt und seine Anpassungsfähigkeit verliert.
Der Atem als Seismograph unseres Erlebens
In der Atemtherapie wird der Atem nicht vorschnell korrigiert. Vielmehr betrachten wir ihn als einen feinen Seismographen, der auf innere und äussere Veränderungen reagiert. Körperliche Vorgänge wie Bewegung, Muskelspannung und Kreislaufaktivität stehen ebenso mit ihm in Verbindung wie Gedanken, Gefühle und zwischenmenschliche Erfahrungen.
Der Atem zeigt damit etwas von unserem gegenwärtigen Zustand. Er ist nicht nur eine physiologische Funktion, sondern kann als lebendiges Geschehen wahrgenommen und erfahren werden.
Eine kleine Übung zur Atemwahrnehmung
Vielleicht möchtest du dir einen Moment Zeit nehmen und deinem Atem nachspüren: Wo zeigt sich die Atembewegung im Augenblick besonders deutlich? Wo nimmst du sie kaum oder gar nicht wahr? Ist dein Atem eher schnell oder langsam, weit oder zurückhaltend? Wie verändert er sich, während du ihn beobachtest?
Du musst dabei nichts verändern. Wenn es dir hilft, kannst du deine Hände nacheinander auf Bauch, Brust, Flanken oder Rücken legen und dort die Atembewegung wahrnehmen. Auch am Hals oder im Bereich der Schultern kann dein Atemgeschehen spürbar sein.
Es geht bei dieser Übung nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Entscheidend ist zunächst nur, wahrzunehmen, was gerade da ist.
Körperwahrnehmung als Grundlage
Die Körperwahrnehmung bildet eine wichtige Grundlage dafür, uns selbst, unseren Zustand und unsere Bedürfnisse besser zu erkennen. Der Atem bietet dazu einen besonders unmittelbaren Zugang, weil er immer gegenwärtig ist und sich meist ohne Hilfsmittel beobachten lässt.
Klassische Bezeichnungen wie Bauch-, Brust-, Flanken- oder Rückenatmung können der groben Orientierung dienen. In der Atemtherapie verstehen wir diese Bereiche jedoch nicht als voneinander getrennte Atemformen. Die Atembewegung ist Teil eines zusammenhängenden Geschehens, an dem Brustkorb, Zwerchfell, Bauchraum, Wirbelsäule, Muskulatur und Haltung beteiligt sind.
Eine verfeinerte Wahrnehmung kann uns Hinweise auf Gewohnheiten, Spannungen und aktuelle Bedürfnisse geben. Vielleicht bemerken wir, dass wir in belastenden Situationen den Atem anhalten, den Bauch anspannen oder kaum ausatmen. Solche Beobachtungen sind noch keine Diagnose. Sie können aber einen Ausgangspunkt dafür bilden, neue Möglichkeiten zu erkunden.
Was zeichnet eine „gute“ Atmung aus?
Wenn ich dennoch von einer guten Atmung spreche, meine ich damit keine bestimmte Atemtiefe und keinen festgelegten Rhythmus. Aus atemtherapeutischer Sicht zeichnet sich eine gute Atmung vor allem durch ihre Anpassungsfähigkeit aus.
Der Atem sollte möglichst flexibel auf Ruhe, Bewegung, Belastung, Erholung und emotionale Veränderungen reagieren können. Seine Bewegung darf den Körper durchlässig erfassen, ohne dass sie dauerhaft festgehalten, gepresst oder willentlich erzwungen werden muss.
Eine solche Anpassungsfähigkeit kann die Selbstregulation unterstützen. Indem wir Veränderungen früher wahrnehmen und verschiedene körperliche Reaktionsmöglichkeiten kennenlernen, können wir mit Belastungen bewusster umgehen. Langfristig kann dies dazu beitragen, persönliche Ressourcen zu stärken und Resilienz aufzubauen.
Besonders tief in den Bauch zu atmen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass du besser atmest. Auch ein schnellerer Atemrhythmus oder eine deutlichere Atembewegung im oberen Brustraum kann in einer bestimmten Situation passend sein. Entscheidend ist weniger, wo sich der Atem zeigt, sondern ob er sich wieder verändern und an unterschiedliche Anforderungen anpassen kann.
Den Atem erfahren statt ihn ständig zu steuern
Ilse Middendorf, eine bedeutende Pionierin der Atemtherapie und Begründerin des Erfahrbaren Atems, brachte ihre Haltung in einem bekannten Satz zum Ausdruck:
„Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selbst wiederkommt.“
Der Satz klingt zunächst banal. In ihm liegt jedoch ein grundlegender Unterschied zwischen dem zugelassenen und dem bewusst gesteuerten Atem.
Wenn wir den Atem kommen und gehen lassen, ohne ihn sofort zu verändern, kann er erfahrbar werden. Er ist dann weder lediglich der unbewusst ablaufende Alltagsatem noch ein durch eine Technik willentlich gelenkter Atem. Wir nehmen vielmehr wahr, wie sich unser eigener Atem im gegenwärtigen Moment zeigt.
Mit gezielten Bewegungen, Dehnungen, Druck, Berührungen oder der bewussten Hinwendung zu bestimmten Körperregionen kann die Atembewegung angeregt und die Wahrnehmung erweitert werden. Bereiche, die wenig Beweglichkeit oder Aufmerksamkeit erfahren, können allmählich wieder deutlicher ins Körpererleben einbezogen werden.
Dabei geht es nicht darum, den Atem gewaltsam an einen bestimmten Ort zu bringen. Vielmehr wird er eingeladen, neue Räume und Bewegungsmöglichkeiten zu erschliessen. Das aufmerksame Wahrnehmen des Atems und des Körpers kann zugleich die Fähigkeit zur Selbstregulation unterstützen.
Atemtechniken haben ihren eigenen Platz
Atemtechniken, die einen bestimmten Rhythmus vorgeben oder auf ein konkretes Ziel ausgerichtet sind, finden sich beispielsweise im yogischen Prāṇāyāma, in verschiedenen Breathwork-Ansätzen, in Entspannungsverfahren sowie in der medizinischen Atemschulung.
Solche Techniken können in einem passenden Rahmen sinnvoll sein. Die Atemtherapie setzt jedoch einen anderen Schwerpunkt: Eine Übung wird nicht allein deshalb eingesetzt, weil sie allgemein als beruhigend oder aktivierend gilt. Entscheidend ist, wie der einzelne Mensch darauf reagiert, was er dabei wahrnimmt und wie die Erfahrung in seinen Alltag und seinen therapeutischen Prozess integriert werden kann.
Die Abgrenzung zwischen Atemtherapie, Breathwork und Prāṇāyāma behandle ich in einem zukünftigen Beitrag ausführlicher.
Wann der Atem medizinisch abgeklärt werden muss
Die Aussage, es gebe nicht die eine richtige Atmung, darf nicht mit der Behauptung verwechselt werden, jede Form von Atembeschwerden sei unbedenklich.
Erkrankungen wie Asthma bronchiale, COPD oder ein Lungenemphysem können die Atmung erheblich beeinträchtigen. Auch funktionelle Atemstörungen, Schmerzen oder andere körperliche Erkrankungen können mit auffälligen Atemmustern verbunden sein. In solchen Situationen versucht der Organismus häufig, unter erschwerten Bedingungen bestmöglich zu reagieren. Dennoch benötigen die zugrunde liegenden Beschwerden eine fachgerechte medizinische Abklärung und Behandlung.
Neu auftretende oder anhaltende Atemnot, pfeifende Atemgeräusche, Schmerzen im Brustbereich oder eine deutliche Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit sollten ärztlich untersucht werden. Bei schwerer akuter Atemnot ist unverzüglich medizinische Hilfe zu rufen.
Begleitend zur medizinischen Behandlung kann Atemtherapie unter anderem dabei unterstützen, in dem der eigene Atem und belastende Reaktionsmuster früher wahrgenommen, die Ausatmung und das Lösen unnötiger Muskelspannung gefördert werden, ein angemessener Umgang mit den Beschwerden entwickelt sowie vorhandene körperliche und psychische Ressourcen gestärkt werden.
In diesem Bereich bestehen teilweise Überschneidungen mit der Atemphysiotherapie. Atemtherapie ersetzt jedoch weder eine medizinische Diagnose noch eine notwendige medikamentöse oder physiotherapeutische Behandlung.
Nicht der richtige, sondern der passende Atem
Die Atemtherapie sagt Ja zum Atem in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen. Dieses Ja bedeutet nicht, Beschwerden oder einschränkende Atemmuster einfach hinzunehmen. Es bedeutet vielmehr, den Atem zunächst wahrzunehmen und zu verstehen, bevor wir ihn verändern wollen.
Therapeutische Übungen und Interventionen dürfen durchaus ein Ziel haben. Sie sollen den Atem jedoch nicht in ein starres Ideal zwingen, sondern seine Beweglichkeit, Wahrnehmbarkeit und Anpassungsfähigkeit fördern.
In der Atemtherapie fragen wir deshalb weniger: „Ist mein Atem richtig?“
Stattdessen fragen wir: Wie reagiert mein Atem in der jetzigen Situation? Was teilt er mir mit – und welche neuen Möglichkeiten können sich daraus entwickeln?